Mindestlohnpolitik gestalten: Erkenntnisse aus Ghana und Südafrika

Akwasi Acheampong Asiedu hat es geschafft – im März 2026 hat er seine Masterarbeit „Die institutionelle Perspektive des Mindestlohns: Ein Vergleich zwischen Südafrika und Ghana“ erfolgreich eingereicht und verteidigt. Hier stellt er seine Ergebnisse sowie seine Erfahrungen im Schreibprozess vor.

Drescher: Akwasi, herzlichen Glückwunsch zum Abschluss deiner Masterarbeit! Möchtest du uns erzählen, woran du in den letzten Monaten gearbeitet hast?

Acheampong Asiedu:
Vielen Dank, es war ein langer Prozess. In meiner Masterarbeit habe ich institutionelle Rahmenbedingungen zur Umsetzung von Mindestlohnpolitiken in Ghana und Südafrika verglichen.

Drescher:
Der Mindestlohn soll also Armut und Einkommensungleichheit bekämpfen und sicherstellen, dass Arbeitnehmer für ihre Arbeit einen Mindestbetrag erhalten.

"Der Mindestlohn gilt als notwendig, weil gerade in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit Arbeitgeber oft die Situation der Beschäftigten ausnutzen, indem sie ihnen weniger zahlen. Die Beschäftigten haben keine andere Wahl, als sehr niedrige Löhne zu akzeptieren, weil sie ihre Familien ernähren müssen – und es ist immer noch besser, als gar keinen Job zu haben."

Acheampong Asiedu: Ja, und der Mindestlohn gilt als notwendig, weil gerade in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit Arbeitgeber oft die Situation der Beschäftigten ausnutzen, indem sie ihnen weniger zahlen. Die Beschäftigten haben keine andere Wahl, als sehr niedrige Löhne zu akzeptieren, weil sie ihre Familien ernähren müssen – und es ist immer noch besser, als gar keinen Job zu haben. Außerdem ist die Idee, dass der Mindestlohn ein zusätzlicher Anreiz sein kann, damit Beschäftigte sich mehr anstrengen. Allerdings gibt es nur wenige Studien zum Mindestlohn in afrikanischen Ländern. Es gibt zwar Untersuchungen zu bestimmten Sektoren wie Hausangestellten oder Taxifahrern. Aber häufig wird die Rolle der Akteure vernachlässigt, die den Mindestlohn überhaupt erst auf die politische Agenda bringen, die Mindestlohnpolitik ausformulieren und sie dann umsetzen. Außerdem wollte ich mir ansehen, wie Südafrika und Ghana das Thema angehen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es gibt und wie die Mindestlohnpolitik in diesen beiden Ländern verbessert werden kann. Ehrlich gesagt bin ich mir gar nicht so sicher, wie es in Deutschland funktioniert …

Drescher: In Deutschland wurde der Mindestlohn 2015 eingeführt. Es gibt eine Mindestlohnkommission, die den Mindestlohn alle zwei Jahre überprüft. Seit 2026 beträgt er 13,90 € pro Stunde, den (abgesehen von wenigen Ausnahmen) alle Beschäftigten in Deutschland erhalten. Zurück zu deiner Masterarbeit: Warum hast du gerade die beiden Länder Südafrika und Ghana ausgewählt?

Acheampong Asiedu: Südafrika steht vor zwei zentralen Problemen: hoher Arbeitslosigkeit, insbesondere unter Jugendlichen, mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 42 %, und einer großen Einkommensungleichheit. Es gehört zu den ungleichsten Ländern weltweit. Gleichzeitig gab es dort bereits Mindestlohndebatten, noch bevor die USA 1938 ihren Mindestlohn eingeführt haben. In Ghana wurde der Mindestlohn in der Kolonialzeit 1939 eingeführt, und seitdem wurden mehrere Mindestlohnpolitiken umgesetzt.

Drescher: Wie bist du auf das Thema Mindestlohn gekommen?

Acheampong Asiedu: Ich habe das Modul „Policies for Sustainability Transitions“ besucht, in dem Professorinnen und Professoren aus verschiedenen Fachbereichen Themen wie Klimawandel, Lebensmittelverschwendung, Tierschutz und so weiter vertiefen. Eines der Themen, das Professor Wieck vorgestellt hat, war Sorgfaltspflicht und dabei bin ich zum ersten Mal mit dem Konzept des Mindestlohns in Berührung gekommen. Wir mussten in dem Modul auch ein kurzes Paper schreiben. Nachdem ich das geschrieben hatte, bin ich auf Professor Wieck zugegangen, wir haben einige Ideen ausgetauscht … und dann habe ich losgelegt.

Drescher: Kannst du uns ein bisschen durch deinen Arbeitsprozess führen? Wie bist du an das Thema herangegangen?

Acheampong Asiedu: Ehrlich gesagt habe ich sehr viel Zeit damit verbracht, überhaupt alle relevanten Dokumente zu finden. Es gibt sehr viele Dokumente, aber keine einzige Website oder Institution, die sie alle bündelt. Ich musste also erst einmal alle Dokumente zusammensuchen, um sie dann analysieren zu können.

Drescher: Hast du dabei irgendwelche Software oder Tools genutzt?

Acheampong Asiedu: Ja, ich habe mit MaxQDA gearbeitet. Das ist sehr hilfreich, wenn man viele Dokumente zu analysieren hat.

Drescher: Und für Studierende der Uni Hohenheim ist die Software sogar kostenlos, weil das KIM eine Campuslizenz bereitstellt. Nachdem du dann alle Informationen zusammengetragen hattest: Was hast du herausgefunden?

"Akteure oder Institutionen, die an der Ausgestaltung von Mindestlohnpolitiken beteiligt sind, sind entscheidend."

Acheampong Asiedu: Im Kern, dass Akteure oder Institutionen, die an der Ausgestaltung von Mindestlohnpolitiken beteiligt sind, entscheidend sind. Die relevanten Institutionen für den Mindestlohn sind in Südafrika die National Minimum Wage Commission (NMWC) und in Ghana das National Tripartite Committee. Diese Gremien sind dafür verantwortlich, der Regierung die Mindestlohnpolitik zu empfehlen. In beiden Ländern wird der Mindestlohn daher jährlich festgelegt und angepasst.

Der Unterschied zwischen den Mindestlohnpolitiken Ghanas und Südafrikas ist, dass Ghana ein einheitliches System hat, das einfacher und leichter durchzusetzen und zu überwachen ist. Es nutzt einen täglichen nationalen Mindestlohn, der für alle Sektoren im Land gilt. Es gibt keine Unterschiede zwischen den Sektoren. Die Politik Südafrikas ist dagegen deutlich komplexer, weil sie Sektoren, geografische Lage und die Stärke der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände berücksichtigt. Das bedeutet: Starke Gewerkschaften setzen ihren Mindestlohn über den Collective Bargaining Council durch, während der Mindestlohn für schwächere Gewerkschaften von der Regierung per „sectoral determination“ festgelegt wird.

Drescher:
Gab es etwas, das dich besonders überrascht hat?

Acheampong Asiedu:
Ich würde sagen, wie detailliert der Prozess zur Festlegung des Mindestlohns in Südafrika ist. Zum Beispiel hat es drei Jahre gedauert, bis der Mindestlohn für Hausangestellte eingeführt wurde. Es wurden zahlreiche Studien durchgeführt, öffentliche Anhörungen abgehalten und Aufklärungskampagnen gestartet. Außerdem war die Zusammensetzung des Gremiums sehr beeindruckend. Im Vergleich zu Ghana waren dort zivilgesellschaftliche Organisationen und unabhängige Stellen vertreten, und ihre Meinungen hatten Gewicht. In Ghana gab es keine klaren Kriterien für die Einführung des Mindestlohns. Im Grunde stützt man sich dort stark auf die Verhandlungsmacht der verschiedenen Gruppen. Ich denke, das führt zu Ungerechtigkeiten, weil die Regierung am Verhandlungstisch immer den größten Einfluss hat.

Drescher:
Jetzt, wo du ein bisschen Experte bist: Was bedeuten deine Ergebnisse für Südafrika und Ghana?

Acheampong Asiedu:
Hm, ich bin mir nicht sicher, ob ich das wirklich bin. (lacht) Aber: Die Mindestlohnpolitiken in Ghana und Südafrika haben ein großes Potenzial, Armut zu verringern. Und wie ich schon gesagt habe: Institutionen sind wichtig. Das bedeutet, dass die Arbeits- und Beschäftigungsministerien und die National Labour Commission in Ghana sowie das Arbeitsministerium in Südafrika durch bessere Finanzierung und Capacity Building gestärkt werden sollten. In Ghanas informellem Sektor werden Mindestlohnregelungen oft nicht eingehalten, daher braucht es bessere Mechanismen, um die Durchsetzung zu sichern. Und Bürger*innen besser zu vermitteln, wie der gesamte Prozess funktioniert und wie sie diese Institutionen für ihre Arbeit zur Rechenschaft ziehen können. Ich denke, das ist eine Empfehlung für beide Länder.

Drescher:
Wenn du magst: Was waren die größten Herausforderungen beim Schreiben deiner Masterarbeit? Was nimmst du für dich mit?

"Es gibt Tage, an denen du sehr produktiv bist, alles leicht von der Hand geht und du mehrere Seiten schreiben kannst. Und dann gibt es andere Tage. Harte Tage, an denen du vielleicht zwei Sätze schaffst oder gar nichts. Das ist hart."

Acheampong Asiedu: Wie ich schon gesagt habe, es ist ein langer Prozess. Es gibt Tage, an denen du sehr produktiv bist, alles leicht von der Hand geht und du mehrere Seiten schreiben kannst. Und dann gibt es andere Tage. Harte Tage, an denen du vielleicht zwei Sätze schaffst oder gar nichts. Das ist hart. Für mich war das dann der Moment, in dem ich rausgehen, spazieren musste um den Kopf freizubekommen und dann habe ich es später noch einmal versucht.

Drescher:
Mir kommen diese kleinen Auf-und-Ab-Phasen jetzt schon bekannt vor, ich habe auch gerade mit meiner Masterarbeit angefangen …

Acheampong Asiedu:
Ja. Aber du solltest wissen: Am Ende bist du sehr stolz auf das, was du geschafft hast.

Drescher:
Das kann ich mir vorstellen. Und wie geht es jetzt weiter? Hast du schon ein neues Projekt im Kopf?

Acheampong Asiedu:
Ich denke, ich werd mir erstmal etwas frei nehmen.

Drescher:
Genieß es! Danke dir für deine Zeit und dafür, dass du deinen Prozess mit uns geteilt hast.

Dieses Interview wurde von Anne Line Drescher geführt und verfasst. Bei Anmerkungen zu diesem Online-Artikel wenden Sie sich bitte an Anne Line Drescher.

Bei Fragen zu seiner Masterarbeit wenden Sie sich bitte an Akwasi Acheampong Asiedu.