Handelsbeziehungen zwischen Afrika und Europa – Ein fairer Wettbewerb?
Der internationale Handel ist ein dynamischer Prozess, der durch Handelspolitiken geprägt wird. Diese Politiken spiegeln die wirtschaftlichen Interessen und Fähigkeiten eines Landes, seine politischen Ziele sowie seine gesellschaftlichen Werte wider. Für Afrika ist Europa der wichtigste Handelspartner. Viele gehen davon aus, dass afrikanische Waren aufgrund der Handelspolitik der EU auf dem internationalen Markt nicht wettbewerbsfähig sind. Was sagen empirische Befunde dazu? Die Studie von Kareem (2025) vom Fachgebiet Agrar- und Ernährungspolitik geht dieser Frage nach.
Die EU als Afrikas wichtigster Handelspartner
Die EU ist seit Langem Afrikas wichtigster Handelspartner, insbesondere für Exporte. Das liegt unter anderem an historischen kolonialen Verbindungen, die dauerhafte wirtschaftliche Beziehungen geschaffen haben. In den letzten drei Jahrzehnten ist der Warenhandel zwischen Afrika und der EU stark gewachsen: Der Gesamtwert hat sich zwischen 1995 und 2022 verdreifacht. Schauen wir uns genauer an, welcher Partner in diesem Zeitraum was gehandelt hat:
- Die EU exportierte hauptsächlich Industriegüter, also fertige und verarbeitete Produkte wie Maschinen und Fahrzeuge, Chemikalien und andere Industriewaren nach Afrika, auch wenn deren Anteil an den Gesamtexporten von 76 % (2008) auf 68 % (2021) zurückging. Im gleichen Zeitraum stieg hingegen der Anteil von Agrar- und Lebensmitteln sowie Primärrohstoffen wie Energie und Rohmaterialien, die die EU nach Afrika exportierte: von 22 % auf 31 %.
- Afrika exportierte hauptsächlich Primärrohstoffe (also Agrar- und Lebensmittel sowie Rohstoffe) in die EU. Dieser Anteil ist jedoch von 75 % (2008) auf 61 % (2021) gesunken.
- Insgesamt ergibt sich der Anstieg des Handelsvolumens vor allem daraus, dass Afrika einfach mehr importierte. Seit etwa 2012 importiert Afrika mehr aus der EU, als es dorthin exportiert. Das führt zu einer negativen Handelsbilanz, einem sogenannten „Handelsdefizit“.
Wie wirken sich EU-Lebensmittelexporte auf Afrika aus?
Mehrere Studien haben untersucht, wie sich insbesondere die Agrar- und Lebensmittelexporte der EU auf afrikanische Länder auswirken. Insgesamt zeigen sie, dass EU-Lebensmittelexporte afrikanischen Verbraucherinnen und Verbrauchern zugutekommen, da sie günstigere Lebensmittel kaufen können und eine größere Auswahl haben, was potenziell die Ernährungsunsicherheit verringert. Gleichzeitig werden afrikanische Produzenten und landwirtschaftliche Arbeitskräfte benachteiligt, wenn sie mit den billigeren Importen nicht mehr konkurrieren können. Das bedeutet, dass lokale Fabriken schließen und Beschäftigte in diesen Sektoren ihre Arbeitsplätze verlieren. Wenn Sie sich dafür näher interessieren, finden Sie Beispiele in der Studie von Kareem (2025).
Ein genauerer Blick: Welche EU-Politiken sind für den Handel entscheidend?
Man sollte im Hinterkopf behalten, dass es in der EU zwei Hauptarten von Politiken gibt, die für den Handel besonders relevant sind:
Erstens gibt es die Unterstützung für EU-Landwirtinnen und -Landwirte sowie Lebensmittelproduzenten, die überwiegend aus Subventionen und anderen Förderinstrumenten im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) besteht. Diese haben innerhalb der EU unterschiedliche Wirkungen und Zielsetzungen. Im Kontext des internationalen Handels machen diese Unterstützungen EU-Produkte im Ausland günstiger und somit wettbewerbsfähiger.
Zweitens gibt es Vorschriften zur Lebensmittelsicherheit und -qualität, sogenannte „SPS-Maßnahmen“ (Sanitary and Phytosanitary Standards – Gesundheits- und Pflanzenschutzstandards). Dazu gehören zum Beispiel Pestizidgrenzwerte, Hygieneregeln, Seuchenkontrollen und strenge Kontrollen an der Grenze. Die EU wendet häufig das „Vorsorgeprinzip“ an: Wenn es Zweifel an der Sicherheit gibt, werden sehr strenge Grenzwerte festgelegt (so wurden etwa südafrikanische Zitrusfrüchte einmal wegen Verdacht auf Krankheiten nicht mehr importiert). Offiziell dienen diese Regeln dem Schutz der Verbraucherinnen und Verbraucher sowie der Tiere in der EU; im Handelskontext wirken sie jedoch manchmal als Barrieren für Importe.
Zusätzlich sehen sich afrikanische Unternehmen oder Länder, die in die EU exportieren wollen, weiteren Regelungen gegenüber: unterschiedlichen Zöllen (Einfuhrabgaben) auf bestimmte Produkte, Einstiegspreissystemen für einige Obst- und Gemüsearten (wenn afrikanische Exporte „zu billig“ sind, werden zusätzliche Abgaben erhoben) sowie den bereits erwähnten SPS-Regeln.
All diese Politiken erhöhen die Kosten für afrikanische Exporteure, da sie höhere Standards erfüllen müssen. Das ist besonders schwierig, weil in vielen afrikanischen Ländern Labore, Kühlketten, Kontrollsysteme und andere „Qualitätsinfrastrukturen“ fehlen.
Daraus ergibt sich die Frage:
Wie wirken sich die Handelsregeln und Lebensmittelstandards der Europäischen Union (EU) auf Afrikas Landwirte, Lebensmittelproduzenten und Exporte aus?
Herangehensweise: Was Newton und Handel gemeinsam haben
Um diese Frage zu beantworten, verwendet der Artikel Handelsdaten für 52 afrikanische Länder, die in die EU exportieren, und konzentriert sich dabei auf vier Schlüsselprodukte: Fisch, Gemüse, Kaffee und Kakao.
Der Autor nutzt ein klassisches Handelsmodell, das Du vielleicht aus dem Physikunterricht bekannt vorkommt: die Gravitation. Vielleicht kennst Du die Geschichte, nach der Newton auf das Gravitationsgesetz kam, als ihm ein Apfel auf den Kopf fiel. Übertragen auf die Handelstheorie besagt das Gravitationsmodell des internationalen Handels im Prinzip: Die Menge an Gütern (etwa Äpfeln), die von einem Handelspartner zum anderen „fällt“ (das Handelsvolumen), wird durch die geografische Distanz und die wirtschaftliche Stärke (gemessen am Bruttoinlandsprodukt) der Handelspartner bestimmt.
Doch zurück zum wissenschaftlichen Artikel: Zu welchen Schlussfolgerungen kommt der Autor?
Zentrale Ergebnisse: Wie wirken sich EU-Regeln auf afrikanische Exporte in die EU aus?
Die Auswirkungen der EU-Lebensmittelsicherheitsregeln (SPS) auf afrikanische Exporte sind gemischt und hängen vom jeweiligen Produkt ab:
- Gemüse: EU-SPS-Regeln verringern die Wettbewerbsfähigkeit afrikanischer Exporte (Exporte gehen zurück, wenn die Regeln strenger werden).
- Kakao: Ebenfalls negativ betroffen; strengere Regeln reduzieren die Wettbewerbsfähigkeit deutlich.
- Fisch: In dieser Studie wurde kein klarer signifikanter negativer Effekt gefunden.
- Kaffee: Kein signifikanter negativer Effekt; in einigen Fällen können Standards Exporte sogar fördern, wenn Produzenten Unterstützung bei der Einhaltung erhalten (z. B. Schulungen, GLOBALG.A.P., Vertragslandwirtschaft).
Die oft gehörte Behauptung „EU-Standards schaden afrikanischen Exporten immer“ ist also zu einfach: Sie schaden eindeutig einigen Produkten (z. B. Gemüse, Kakao). Bei anderen (Fisch, Kaffee) ist der Effekt schwach oder nicht negativ, insbesondere dort, wo Unterstützung und Infrastruktur vorhanden sind.
Was getan werden sollte
Auf Grundlage dieser Ergebnisse ergeben sich mehrere Implikationen für die EU und afrikanische Länder:
Die EU hat ausdrücklich erklärt, dass sie die Entwicklung Afrikas fördern und Armut auf dem Kontinent verringern will. Wenn sie das wirklich möchte, sollte sie überprüfen, wie ihre Subventionen und SPS-Regeln afrikanische Produzenten beeinflussen. Und das unter Anerkennung des niedrigeren Infrastruktur- und Technologiestandards in Afrika. Die EU sollte ihre Handelspolitik stärker als „fairen Wettbewerb“ gestalten und ihren Ankündigungen Taten folgen lassen, indem sie Afrika im Sinne einer „internationalen sozialen Verantwortung“ unterstützt.
Afrikanische Länder, insbesondere ihre Verbraucherinnen und Verbraucher, haben vom Handel mit der EU profitiert. Wenn Afrika seine Produzenten stärken und wettbewerbsfähiger werden will, gibt es mehrere Optionen:
- Starke Investitionen in Qualitätsinfrastruktur, etwa Labore, Kontrollbehörden, Kühlketten, Lagerkapazitäten usw.
- Schulungen für Landwirte und Unternehmen, um EU-Standards zu erfüllen.
- Den vorhandenen Spielraum in WTO- und EU-Abkommen nutzen, um noch nicht wettbewerbsfähige Wirtschaftssektoren („infant industries“) oder sensible Produkte im Ernährungsbereich (z. B. Geflügel, Milchprodukte, Tomatenverarbeitung) zeitweise zu schützen.
- Auf unfaire Handelspraktiken (z. B. Dumping) mit eigenen Maßnahmen reagieren.
- Die Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten langfristig verringern, indem die heimische Lebensmittelproduktion und der regionale Handel gestärkt werden.
- Robustere Ernährungssysteme aufbauen, damit Schocks wie COVID-19 oder der Ukraine-Krieg nicht zu schweren Ernährungskrisen führen.
