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Sein oder Nichtsein? Rentabilität und Ausstiegsentscheidungen ökologischer Milchviehbetriebe in der EU [22.04.26]
Der ökologische Landbau wird häufig sowohl als Lösung für den Klimaschutz als auch als Marktchance betrachtet. Doch wenn „Bio“ so vielversprechend ist, warum kehren einige Betriebe zur konventionellen Produktion zurück oder geben die Landwirtschaft ganz auf? Welche Auswirkungen hat dies auf das Ziel der „Farm to Fork“-Strategie, bis 2030 25 % der landwirtschaftlichen Fläche ökologisch zu bewirtschaften? Eine aktuelle Studie zu ökologischen Milchviehbetrieben in den sechs größten Milcherzeugerländern der EU untersucht die Rentabilität und Ausstiegsentscheidungen im Detail.Ökologischer Landbau im Aufwind – und ein neuer Gegentrend
Der ökologische Landbau ist bislang auf dem Vormarsch: Weltweit ist der Anteil ökologisch bewirtschafteter Flächen gestiegen, ebenso in der EU. Im Jahr 2021 wurden etwa 10,5 % der landwirtschaftlichen Fläche ökologisch bewirtschaftet – ein Anteil, der laut der „Farm to Fork“-Strategie der Europäischen Kommission bis 2030 auf 25 % steigen soll.
Allerdings zeichnet sich ein Gegentrend ab: Einige Ökobetriebe sind zur konventionellen Produktion zurückgekehrt oder haben die Landwirtschaft ganz aufgegeben.
Eine Studie von Heinze und Vogel (2017) zeigt, dass 30 % der Betriebe, die zwischen 1999 und 2003 auf ökologische Produktion umgestellt hatten, diese Entscheidung bis 2010 wieder rückgängig gemacht und zur konventionellen Landwirtschaft zurückgekehrt sind. Dies wirft zentrale Fragen auf, die auch von den Autoren einer aktuellen Studie behandelt werden:
- Wie rentabel ist der ökologische Landbau im Vergleich zum konventionellen?
- Und wenn Betriebe die ökologische Produktion aufgeben, welche Gründe haben sie dafür und welche Rolle spielt die Rentabilität?
Warum Milchviehhaltung?
Die Autoren konzentrieren sich auf einen bestimmten Sektor: die Milchviehhaltung. Warum gerade dieser Bereich? Weil die Milchviehhaltung innerhalb des ökologischen Sektors eine besondere Stellung einnimmt.
Einerseits tragen Kühe (als Wiederkäuer) erheblich zu Treibhausgasemissionen und damit zum Klimawandel bei. Andererseits ermöglichen sie eine effiziente Nutzung von Grünland, das in manchen Regionen kaum für den Ackerbau geeignet ist. In solchen Gebieten ist die Rinderhaltung zudem ein traditioneller Bestandteil der Kulturlandschaft.
Gleichzeitig ist jedoch klar, dass nicht alle Kühe idyllisch auf Bergweiden grasen. Das Tierwohl ist zu einem immer wichtigeren Thema in der Nutztierhaltung geworden, ein Aspekt, den der ökologische Landbau besonders adressiert. Und nicht zuletzt klagen viele Landwirt:innen über niedrige Preise und hohe Kosten.
Die Studie analysiert die finanzielle Situation von rund 28.000 Milchviehbetrieben in Frankreich, Deutschland, Italien, den Niederlanden, Polen und Spanien im Zeitraum von 2004 bis 2017 und deckt damit etwa 71 % der EU-Milchproduktion ab. Die Ergebnisse wurden statistisch ausgewertet, und die Methodik wird im Originalartikel ausführlich beschrieben.
Zentrale Erkenntnis: Bio ist im Durchschnitt rentabler – mit großer Streuung
Für alle, die nicht die gesamten Ergebnisse durchgehen möchten, hier die wichtigsten Erkenntnisse:
Im Durchschnitt sind ökologische Betriebe etwa 2,7 Prozentpunkte rentabler als konventionelle. Anders gesagt: Wenn ein konventioneller Milchviehbetrieb beispielsweise eine Rendite von 5 % auf sein eingesetztes Kapital erzielt (Gebäude, Flächen, Tiere, Maschinen), dann würde ein vergleichbarer ökologischer Betrieb im Durchschnitt etwa 7,7 % erreichen. Allerdings schwankt dieser Vorteil im Zeitverlauf.
Dass einige Betriebe die ökologische Milchproduktion dennoch aufgeben, lässt sich durch mehrere Faktoren erklären:
- Der zusätzliche Gewinn ökologischer Betriebe (die sogenannte „Bio-Prämie“) kann von Jahr zu Jahr stark schwanken. Bei hoher Preisunsicherheit könnten risikoscheue Landwirt:innen eher dazu neigen, aus dem Biomarkt auszusteigen.
- Ökologische Milchviehbetriebe benötigen mehrere Jahre, um sich zu etablieren und neue Anforderungen (etwa bei Fütterung oder Tiergesundheit) zu erfüllen, was zusätzliche Kosten verursacht. Diese Herausforderungen bestehen über die ersten zwei Jahre nach der Umstellung hinaus und erreichen etwa acht Jahre nach der Umstellung ihren Höhepunkt.
Unterstützung neu denken: Von kurzfristiger Förderung zu langfristiger Stabilität
Daher könnte es sinnvoll sein, die Förderung des ökologischen Landbaus neu zu gestalten. Anstelle einmaliger oder kurzfristiger Zuschüsse in den ersten Jahren (wie derzeit häufig üblich) könnten langfristige Maßnahmen zur Stabilisierung der Einkommen wirksamer sein. Alternativ könnten gezielte Unterstützungen in bestimmten Phasen nach der Umstellung oder für spezifische Regionen ebenfalls hilfreich sein.
Die Autoren zeigen außerdem, dass finanzielle Unterstützung in Form von Subventionen verhindern kann, dass ökologische Milchviehbetriebe aus der ökologischen Produktion aussteigen. Allerdings sind weitere Untersuchungen notwendig, da dieses Ergebnis nur für einen begrenzten Zeitraum im Datensatz gilt.
Fazit und offene Fragen
Die Schlussfolgerung ist eindeutig:
Wenn das Ziel darin besteht, den ökologischen Landbau weiter auszubauen, stellt sich die Frage, unter welchen wirtschaftlichen Bedingungen er für Landwirt:innen attraktiv ist. Mit anderen Worten: Es bestehen weiterhin erhebliche Wissenslücken hinsichtlich der wirtschaftlichen Tragfähigkeit des ökologischen Landbaus, nicht nur in der Milchviehhaltung, sondern auch in anderen landwirtschaftlichen Sektoren.
Dieser Online-Artikel basiert auf der Originalstudie:
Stefan Hirsch, Ayoub Barissoul, Niklas Möhring, Max Koppenberg. Profitability and exit decisions of organic dairy farmers in the EU. Food Policy, Band 139, 2026, https://doi.org/10.1016/j.foodpol.2026.103034.
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Für fachliche Fragen zum Forschungsinhalt wenden Sie sich bitte an Ayoub Barissoul, einen der Autoren der Originalstudie.

